Dr. Harald Schoembs                                                                                   11. Januar 2012

 

Energie  -  Klima  -  Krieg

 

1.      Die Ausgangssituation

Solange es nicht gelingt, wirtschaftliches Wachstum aufzugeben, wird die bisher schleichende Energiekrise zu verschärften Problemen führen. Allerdings stehen die Chancen schlecht, der „Wachstumsfalle“ zu entgehen.

Wie selbstverständlich wird in fast allen Medien berichtet, dass Energie knapp wird, da der „Energiebedarf“ weltweit nach wie vor zunimmt. So steigt der vermeintliche „Energiebedarf“ laut der neuesten Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) bis zum Jahre 2035 um ca. 33 %. Die dadurch künftig befürchtete Energieknappheit tritt allerdings nur dann ein, wenn die Industrieländer nach wie vor so exorbitant viel Energie pro Person verbrauchen. Daher sollte besser von „Energiesucht“ oder „Energiegier“ anstatt von „Energiebedarf“ gesprochen werden.

Tragende Säule der weltweiten Energiequellen sind mit ca. 75 % (2008, Intergovermental Panel on Climate Change, IPCC) die fossilen Energieträger Öl, Kohle und Gas. Mit knapp 35 % liegt Öl an der Spitze. Daher ist das derzeitige Überschreiten des jährlichen Fördermaximums (etwa 2010) besonders kritisch zu sehen. Grundsätzlich helfen riskante Bohrungen im Golf von Mexiko beispielsweise oder die riesige Landstriche verseuchende Gewinnung von Öl aus Teersanden in Kanada nur unwesentlich weiter.

Blicken wir einige Generationen weiter, so wird selbst Kohle kaum mehr zur Verfügung stehen. Die Abnahme dieses fossilen Energieträgers wird weltweit zu kaum vorstellbaren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen sowie militärischen Konflikten führen. Nach meiner Abschätzung aus zahlreichen allgemein zugänglichen Energieprognosen wird das Fördermaximum aller fossilen Energieträger in zwei bis vier Generationen um 2060 – 2120 erreicht sein. Neuere Schätzungen gehen allerdings bereits von einem Maximum um 2040 aus (z. B. in Jörg Schindler: Öldämmerung, Ökom-Verlag 2010). Neue Funde von Lagern fossiler Energie verändern die Prognosen nur unwesentlich. Um eine Verschiebung des Maximums von allein 10 Jahren zu erreichen, müssten Lagerstätten von rund 300 Mrd. t SKE (Steinkohleeinheiten) gefunden werden. Solche Entdeckungen sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht gemacht worden und künftig nicht zu erwarten.

Der Klimawandel hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Darüber und über die zu erwartenden alltäglichen Katastrophen, die damit verbunden sein werden – auch in Deutschland – ist genug geforscht und geschrieben worden. „Die Klimakrise ist größer als die Finanzkrise. Der Umgang der Politik mit dem Euro-Problem lässt deshalb in punkto Klimaschutz nichts Gutes erwarten.“ wie Fritz Vorholtz in der Wochenzeitung  „Die Zeit“ vom 10.11.2011 schrieb. Die Weltklimakonferenzen 2010 in Cancun und 2011 in Durban gaben keinen Anlass zur Hoffnung. Daher folgert Vorholtz weiter: „Die internationale Politik ist nicht mehr Herr der Lage“. Die Politik wird es allein demnach nicht schaffen, einen zukunftsgerechten Umgang mit fossilen Energieträgern zu bewirken. Jeder von uns ist gefordert!

Auf der Basis der folgenden vier Szenarien können wir unser Energiebewusstsein schärfen und die Voraussetzungen für ein nachhaltiges Verhalten im Alltag erreichen. Die Hoffnungsträger „Ausbau der erneuerbaren Energie“ und „Effizienzstrategie“ reichen allerdings nicht aus! Welche Konsequenzen können wir aus dieser bitteren Erkenntnis ziehen? Weiterhin werden wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass die fossile Energie auch in den nächsten mindestens fünf Jahrzehnten mehr als 50 % der weltweit zur Verfügung stehenden Energie ausmachen wird. Dieses ist angesichts der Auswirkungen durch den Klimawandel besonders brisant.

 

2. Vier Szenarien

a) Energiesparen

Die wichtigste Möglichkeit liegt ganz einfach – und ist doch übermenschlich schwer – im geringeren Energieverbrauch. Dazu wird es erforderlich sein, einen anderen Mobilitätsanspruch, eine drastische Reduktion des Fleischverbrauchs und ein angemessenen Umgang mit Konsumgütern zu entwickeln. Gleichzeitig könnten Lebensformen entwickelt werden, die Zufriedenheit und Glück des Einzelnen in den Mittelpunkt des Lebens stellen. Bei dieser Möglichkeit besteht die Chance, für alle Menschen Energie in angemessenen Umfang zur Verfügung zu stellen. Beurteilen Sie selbst, wie Sie die Wahrscheinlichkeit für die Realisierung dieses Szenariums sehen (Anregungen dazu im 3. Abschnitt).

b) Krieg

Die zweite Perspektive ist realistischer. Wir müssen sie erkennen und versuchen, sie zu verhindern.

Auch die Politiker der mächtigsten Staaten der Erde haben u.a. – bei immer noch steigendem Konsum- und gleichzeitig angestrebten Wirtschaftswachstum – die kommende Energieknappheit erkannt. Vor allem Kohle, Öl und Gas werden nicht für alle Menschen reichen. Da wird „Vorsorge“ getroffen und wenn es nicht anders geht, durch Krieg. Somit verwundert es nicht, wenn die CDU/CSU-Bundestagsfraktion 2008 in Übereinstimmung mit einer „Sicherheitsstrategie Deutschland“ beschloss „Die Herstellung von Energiesicherheit und Rohstoffversorgung kann auch den Einsatz militärischer Mittel notwendig machen, z. B. zur Sicherung von anfälligen Seehandelswegen oder von  Infrastruktur wie Häfen,                Pipelines, Förderanlagen etc.“

 

Die Kriege im Irak und Libyen waren und die Kriegsdrohung gegen den Iran sind ein Vorgeschmack, um die „Energiesucht“ vor allem in der westlichen Welt zu sichern. Derweil wird uns vorgegaukelt, es ginge in diesen Ländern vorrangig um die Befreiung der Menschen von autoritären Regimen. Aufstände in „Ölländern“ sind ein gefundener Anlass „Befreiungsmissionen“ durchzuführen und durch militärische Präsenz Energiesicherheit zu erlangen. Wie wird es in Syrien weitergehen und wie werden sich die NATO und die westlichen Militärmächte verhalten, wenn es berechtigte Aufstände in Saudi-Arabien geben wird?

c) Erneuerbare Energie und Energieeffizienz

Unsere große Chance liegt in der erneuerbaren Energie und der Effizienzsteigerung. Dieses ist die einzige Möglichkeit nach dem Ende der „fossilen Energie-Ära“ künftig in einer zeitgeschichtlich langen „solaren Zivilisation“ angemessen zu leben. Zur erneuerbaren Energie zählen in der Reihenfolge ihrer quantitativen Bedeutung Biomasse, Wasserkraft, Windkraft, Geothermie, thermische und elektrische Solarenergie und Gezeitenenergie. Ihr Anteil an den weltweiten Energiequellen beträgt ca. 7 %, wenn man von der ineffizienten traditionellen Holz- und Dungverbrennung in Entwicklungsländern absieht (2008, IPCC). Der Anteil in Deutschland beträgt ca. 9 %. Bei der Stromerzeugung beträgt der Anteil in Deutschland erfreuliche 17 % (2010, Bundesministerium für Umwelt und Reaktorsicherheit, BMU). Die beabsichtigte Steigerung bis 2030 auf 30 %, wie sie von der Bundesregierung als Zielmarke beschlossen wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Leider beziehen sich die Zahlen nur auf die Stromerzeugung und bei nicht selten unpräzisen Angaben in den Medien wird der Eindruck erweckt, Energie- und Klimaprobleme ließen sich durch den Ausbau erneuerbarer Energie locker bewältigen. Besonders bei der Photovoltaik werden die quantitativen Möglichkeiten von der Bevölkerung völlig überschätzt. Bei einer Umfrage 2008 wurde nach dem Anteil der zu erwartenden Stromerzeugung in Deutschland durch Solarenergie (fast ausschließlich Photovoltaik) im Jahre 2013 gefragt. Die Antwort war 71 %; tatsächlich sind es derzeit nur 2 % (2010, BMU).

Die erneuerbare Energie wird erst dann zum Durchbruch kommen und mehr als noch 90 % der Energiequellen ausmachen, wenn der Energieverbrauch weltweit drastisch, d. h. um 60 – 80 %, gesenkt wird. Ferner sind einige erneuerbare Energien problematisch oder mit Beeinträchtigungen (Windenergie) verbunden. So ist die Herstellung von Treibstoff aus Biomasse kritisch zu sehen, sofern diese aus Nahrungsmitteln hergestellt wird. Bioethanol wird beispielsweise aus 21 % Rüben, 35 % Zuckerrohr, 42 % Getreide und 2 % Sonstigem hergestellt. „Erstmals seit 25 Jahren ist Deutschland wohl  auf Getreideeinfuhr angewiesen. Ackerflächen werden für den Anbau von Biogas-Mais verwendet“ (FAZ, 9.1.2011).

Forschungs- und Entwicklungsbemühungen von elektro-chemischen und bio-chemischen Solarzellen sind besonders sinnvoll. Elektro-chemische Zellen arbeiten mit einem Elektrolyt und einem Halbleiter. Ziel der bio-chemischen Zellen ist es, Licht durch Zersetzung des Wassers nach dem Prinzip der Fotoelektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff umzuwandeln. Sollte diese Technologie erfolgreich sein, so könnte sie auch künftig einen gewissen Beitrag zur erneuerbaren Energie liefern.

Unter Effizienzstrategie  versteht man eine durch Innovation bewirkte bessere Ausnutzung der Energie in sparsameren Geräten und technischen Verfahren. Diese Entwicklung führte bereits in den vergangenen Jahrzehnten zu deutlich geringerem spezifischen Energieverbrauch, z.B. bei Autos, Heizungsanlagen, Haushaltsgeräten, elektronischen Geräten und einigen Produktionsverfahren. Da jedoch häufig größere und mehr Geräte gekauft und diese intensiver genutzt werden, wird heute trotzdem mehr Strom verbraucht als früher.

Das Energiekonzept der Bundesregierung sieht hinsichtlich des Gesamtenergieverbrauches eine Steigerung der Energieeffizienz um jährlich 2% vor. Inwieweit dieses Ziel realistisch ist, ist fraglich, denn in den vergangenen Jahren lag die Steigerung durchschnittlich nur bei 0,8%. Vor diesem Hintergrund ist die Uneinigkeit der Regierungsparteien  gegenüber der vorgelegten Energieeffizienzrichtlinie der EU mit jährlich 1,5%  erklärbar.

d) Atomenergie u.a. Unsinn

Atomenergie ist gefährlich, zentralistisch, unwirtschaftlich, kapitalintensiv sowie bedeutungslos hinsichtlich des weltweiten Energieangebotes und des Klimawandels.

Atomenergie  ist

-         gefährlich, da umweltzerstörend beim Uranabbau, letztlich unberechenbar beim Betrieb von Kernkraftwerken sowie grundsätzlich unlösbar hinsichtlich einer sicheren  Ablagerung hochangereichter Brennelementabfälle.

-         zentralistisch, wegen der hohen Energiedichte, die Industriezweige anzieht, die ansonsten weniger expandieren würden; insbesondere die energieintensive Aluminiumherstellung und Chlorchemie. Die Produkte der Chlorchemie sind darüber hinaus bei der Entsorgung größtenteils umweltbelastend und gesundheitsschädlich.

-         unwirtschaftlich bei Berücksichtigung zunehmender Anforderung für Sicherheitsbarrieren sowie der Kosten für Abbau der Kernkraftwerke, Ablagerung der Brennstäbe und Versicherung hinsichtlich Unfällen.

-         kapitalintensiv und daher nur für reiche Industrienationen erschwinglich. Andere Nationen können dieses nur mit Diktaturen erreichen und/oder würden wirtschaftlich in die Knie gezwungen.

-         bedeutungslos als Ersatz für fossile Energieträger, da ihr Anteil derzeit nur ca. 2 % (2008, IPCC) der weltweiten Energiequellen beträgt. Selbst eine kaum wirksame Verdoppelung der ca. 340 Kernkraftwerke wäre aus technischen, finanziellen und strukturellen (Ausbau von Stromnetze) Gründen in den meisten Ländern der Erde nicht realisierbar.

Allerdings werden die Kernkraftwerke nicht so schnell aus der Welt verschwinden, denn die Kompetenz, die Kernphysik und –technologie zu beherrschen, ist die Voraussetzung für den Bau von Atombomben. Diese Option wollen sich paranoide, machthungrige Regierungen und Möchtegern-Herrscher der Welt nicht entgehen lassen.

Dieser hoffnungsvollen Atomausstieg in Deutschland bläst zunehmend Wind entgegen: Die großen Energieversorgungsunternehmen – allen voran E.on, Vattenfall  und RWE –wollen sich mit den vorhandenen Kernreaktoren die lukrativen Verdienstmöglichkeiten nicht entgehen lassen (zumindest solange die wesentlichen Kosten für die künftige Entsorgung der Anlagen und Brennelemente von der Allgemeinheit getragen werden). So hat E.on gegen den Atomausstieg beim Bundesverfassungsgericht geklagt und Vattenfall beabsichtigt  vor das Schiedsgericht für Investitionsfreiheit in Washington zu ziehen.

Um der Endlichkeit der vorhandenen Uranvorkommen entgegen zu wirken wurde der „Schnelle Brüter“ entwickelt. Dabei wird der Hauptanteil des Urans U-238 (99,3 % im natürlichen Uran), der in herkömmlichen Kernkraftwerken nicht nutzbringend spaltbar ist, durch „schnelle Neutronen“ zu Plutonium–239 „gebrütet“. Das Plutonium lässt sich anschließend durch „schnelle Neutronen“ unter Energieabgabe spalten. In Kalkar wurde in den 80er Jahren eine großtechnische Anlage nach diesem Prinzip gebaut. Angesichts ausufernder technischer Schwierigkeiten und gigantischer Kostensteigerungen musste das Projekt begraben werden.

Mit noch größeren Hoffnungen und Illusionen wird seit Jahrzehnten versucht, die „Kernfusion“ technisch zu beherrschen. Dabei wird Deuterium (schwerer Wasserstoff) und Tritium (überschwerer Wasserstoff) unter sehr großer Energieabgabe zu Helium fusioniert. Um 1960 wurde die technische Realisierung und Nutzung der Fusionstechnologie in 50 Jahren in Aussicht gestellt. Bis heute wurde und wird die Realisierung nach wie vor in 50 Jahren erwartet. Nach meiner Einschätzung gibt es grundlegende technische und ökonomische Hindernisse, die auch künftig Fusionsreaktoren nicht zum Einsatz kommen lassen werden.

Technisch nicht so spektakulär, aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht umsetzbar ist die CCS-Technologie (Carbon Dioide Capture Storage), also die Abscheidung und Ablagerung (Verpressung von zuvor verflüssigtem Kohlendioxid). Damit könnte die Kohleverstromung je nach Abschaltungsrate akzeptabel sein. Wesentliches Argument gegen dieses Verfahren ist neben technischen Hindernissen der Eingriff in das gesellschaftliche Gesamtgeschehen (Abbau von Demokratie). Hierzu zählt u.a. die Bedrohung durch nicht sicher verpresstes Kohlendioxid und die Belastung durch ein gigantisches kaum vorstellbares Transportaufkommen. Ferner ist eine katastrophale Energiebilanz durch Abscheidung, Verflüssigung, Bau von Großfahrzeugen, Transport- und Verpressung des Kohlendioxids zu erwarten. Auch aus ökonomischen Gründen wird das Verfahren keine Zukunft haben.

Es ist befremdlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Politiker und Medien in den vergangenen fünf Jahren vom künftigen Einsatz der CCS-Technologie als „wegweisendes Klimaschutzinstrument“ geschwärmt haben, obschon die Schwierigkeiten u.a. durch Gutachten im Auftrage des Umweltbundesamtes bekannt sind. Das Energieversorgungsunternehmen Vattenfall hat in dieser Situation einen klugen und raffinierten Schachzug gemacht: Nach dem Bau und Betrieb einer kleinen Pilotanlage im Industriestandort Schwarze Pumpe steigt Vattenfall aus dem geplanten Bau einer großtechnischen Demonstrationsanlage in Jänschwalde aus. Als Grund wird das Fehlen verlässlicher gesetzlicher Grundlagen genannt. Es wird spannend sein, die wahren Gründe in naher Zukunft zu erfahren.

Wird es in absehbarer Zukunft noch ganz andersartige bedeutsame Verfahren oder Energiequellen geben? Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist dies ausgeschlossen. Extreme Spekulationen über sogenannte „freie Energie“ oder Energie aus „Antimaterie“ (diese gibt es durchaus in der Teilchenphysik) vernebeln und dienen nur als Entschuldigung, weiter zu machen wie bisher.

Als Bilanz können wir feststellen, Energiesicherheit, Klimaschutz und Frieden werden uns nicht von Politik, Wirtschaft oder Forschung geliefert werden: Wir müssen selbst aktiv werden. Dazu sind im nächsten Abschnitt einige Anregungen zusammengestellt, was wir im Alltag tun, wie wir zu einem nachhaltigeren Energiebewusstsein und wie wir zu mehr Lebensqualität kommen können.

3. Was können wir tun?

Setzen Sie sich mit den zahlreichen Anregungen und Tipps zum Energiesparen in Medien und Umweltbroschüren auseinander und probieren Sie die Vorschläge aus. Erkennen Sie, wo und wofür eine Kilowattstunde verbraucht wird und wo ihr Einsatz nicht notwendig ist. Werden Sie nicht zum Kleinkrämer oder Pedanten; das macht unfrei und verstellt den Blick für die großen erforderlichen Aufgaben. Bereiten Sie sich mental auf Veränderungen Ihres Lebensstils mit weniger Energieverbrauch und mehr Lebensqualität vor.

Falls Ihnen die folgenden Vorschläge spontan undurchführbar erscheinen, nehmen Sie sich zwei Jahre Zeit, sich gedanklich damit auseinander zu setzen. Versuchen Sie Strategien zu entwickeln, wie diese Ziele oder von Ihnen gesetzte ähnliche wirksame Ziele erreicht werden können. Erproben Sie in den darauffolgenden drei Jahren Ihre Entscheidungen. Kommunizieren Sie Ihre Strategie mit Freunden, Nachbarn und versuchen Sie Einfluss zu nehmen auf kommunale und sonstige politische Entscheidungen. Es wird eine Herkules-Arbeit – aber Sie können nur gewinnen!

In den Bereichen Wärme, Mobilität, Ernährung und Konsumgüter kann besonders viel Energie eingespart werden:

-         Wärme: sinnvolles Lüften und angemessene Temperaturen, Wärmedämmung und bessere Heizkessel ggf. in Kombination mit erneuerbarer Energie sind wirksame Vorschläge, die auch anderweitig gemacht werden. Diese werden von der Umweltpolitik durch Gesetze, Verordnungen und Richtlinien unterstützt und gefördert. Schwieriger zu akzeptierende Veränderungen betreffen die weiteren Bereiche, die nur durch Verhaltensänderungen zu erreichen sind.

-         Mobilität: Fahren mit dem Pkw – wenn überhaupt - nicht mehr als 5.000 km jährlich, keine Flugreisen in Deutschland, höchstens eine Flugreise pro Jahr in Europa und einen Flug in fünf Jahren außerhalb Europas. Wie können diese Ziele gesamtgesellschaftlich durchgesetzt werden? Sie gewinnen: Abbau psychischer Spannungen, weniger Rückenschmerzen, ggf. mehr soziale Kontakte, Begeisterung für die richtige Sache zu leben usw.

-         Ernährung: Verringerung des Fleischkonsums um mindestens 50 % - es sei denn, Sie sind Vegetarier. Für Rindfleisch z. B. wirkt sich die Einsparung dreifach aus: 1. weniger Energie und somit weniger Kohlendioxid und 2. weniger Urwaldrodung für Weideflächen und 3.  weniger Methan aus Rindermägen (Methan ist hinsichtlich des Treibhauseffektes um den Faktor 25 wirksamer als Kohlendioxid und daher auch in kleinen Mengen bedeutsam). Ergänzen Sie Ihre Ziele durch zahlreiche andere Beispiele. Sie gewinnen: Gesundheit, Verbesserung des Geschmacksempfindens, Beweglichkeit usw.

-         Konsumgüter: Verringerung der Anschaffungen um 50 %, insbesondere Möbel, Kleidung, Autos, Fahrräder, Haushaltsgeräte, elektronische Geräte usw. Optimal wäre eine Verringerung nach Maß der Herstellungs- und Transportenergie (Pkw z. B. 20.000 kWh). Solange dieses zu schwierig für die meisten Konsumgüter ist, könnten die Kosten als Maß gelten. (Buchtipp hierzu: Renner/Holdinghausen: Wir konsumieren uns zu Tode.) Sie gewinnen: Mehr Freizeit, da Sie weniger einkaufen und weniger ausgeben müssen (um Geld für die 50 % Konsumgüter zu verdienen). Freude, da Menschen und Umwelt weniger geschädigt werden.

Es bleibt die fundamentale Frage, wie sich diese Ideen und Vorschläge in unserer Umgebung, unserer Stadt und unserem Land umsetzen lassen? Wie schaffen wir es, die Benebelung und Verdummung durch die tägliche vermeintlich so wirklichkeitsgerechte Informationsflut zu durchschauen. „Wachstum“ wird wie ein Mantra als zukunftsfähig und als alternativloser Weg täglich über uns ausgegossen. Das Gegenteil ist der Fall! Zu wenige erkennen des „Kaisers neue Kleider“.

Beispiel: Eine Zeitungsüberschrift wie zahllose andere: „Der Klimaschutz leidet unter der Staatsschuldenkrise“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2011) und weiter „Deutschland zahlt am meisten für den Klimaschutz …“. Diese zwei Sätze sind mehrfach problematisch: Sie können die Einstellung zum Ausland sowie ggf. zu Ausländern verschlechtern; weiterhin bleibt hängen sowie wird wieder bestätigt: „Klimaschutz kostet Geld“. Ja, technischer Klimaschutz kostet Geld. Jedoch die entscheidenden Klimaschutzmaßnahmen erfordern Verhaltensänderungen und sparen Geld. Die Überschrift in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung müsste daher lauten: „Die Staatsschuldenkrise ist eine Chance für den Klimaschutz“ und weiter „Durch geringeren Konsum werden weniger Schulden gemacht und damit deutlich Kohlendioxid eingespart…“

Energiesparen und Klimaschutz durch Verhaltensänderung lassen sich nicht in die Wachstumsstrategie der freien Marktwirtschaft einbauen. Sie werden daher von der Politik, der Wirtschaft und den Medien sträflich vernachlässigt. Die Kopplung des Klimaschutzes an das Wirtschaftswachstum kann nicht zum Erfolg führen.